Barrierefreiheit zum Anfassen: Canute, der „Kindle für Blinde“

CanuteBereits zum vierten Mal wird diese Woche auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche eBook-Award verliehen. Und wie auch in den vergangenen Jahren werden hier die spannendsten Produktentwicklungen aus dem digitalen Publizieren vorgestellt. Neben eBooks, Apps und Web-Publikationen aus allen Verlags-Genres war die Jury dieses Jahr besonders auf Entdeckungen im Bereich „Barrierefreiheit“ gespannt – dem diesjährigen Schwerpunkt-Thema. Bereits bei der Wahl des Themas war uns klar, dass die Digitalisierung der Medienwelt auch für Barrierefreiheit und uneingeschränkten Content-Zugang riesige Chancen bietet. Mit „Canute“ sind wir auf ein hochinteressantes Hardware-Projekt gestoßen, dem wir mit großer Freude den diesjährigen Sonderpreis verleihen.

 

Barrierefreiheit: Ein sperriges, aber wichtiges Thema

Lesen zu können ist nicht nur für sehende Menschen eine wesentliche Voraussetzung für ihre persönliche und berufliche Entwicklung – auch für eine selbstbestimmte Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen, an Literatur und Kunst, Unterhaltung und Bildung ist es die Basis. Für Sehbehinderte und Blinde ist daher die Fähigkeit Brailleschrift zu lesen genauso unabdingbar für ein selbstbestimmtes Leben wie für sehende Menschen das „normale“ Lesen und Schreiben. Für einen Einblick in die „Lese-Welt“ von Blinden empfehle ich sehr gerne den Gastartikel von Heiko Kunert im Blog des eBook-Award.

Seit den zwei Weltkriegen des letzten Jahrhunderts hat Deutschland eine lange Tradition der Blinden-Bibliotheken, in denen Literatur für Blinde zur Verfügung gestellt wird – zunächst über handwerklich hergestellte Print-Produkte, bei denen die Blindenschrift per Prägung über Braille-Schreibmaschinen eingebracht wird, seit den 80er-Jahren dann zunehmend auch über Medien wie Audio-Cassetten.  Allen Ansätzen gemeinsam war aber stets: Solange die Blinden-Medien physisch hergestellt und verschickt werden mussten, waren die Produkte stets teuer in der Herstellung und für die Nutzer aufgrund der winzigen Auflagen schwer zu bekommen.

 

Digitalisierung und Barrierefreiheit: Herausforderungen und Chancen

In der Entwicklung der digitalen Medien war schon früh klar, dass sich auch für die Mediennutzung durch Blinde und Sehbehinderte große Chancen eröffnen werden. Bereits 1996 formierte sich in den USA das DAISY Consortium, das sich seitdem der Entwicklung technischer Standards für barrierefreie Audio-Books widmet. Die Konzepte des dazu verwendeten DAISY-Formates gingen später auch in das aus dem eBook-Bereich bekannte EPUB-Format ein, das in Teilen auch von denselben Experten spezifiziert wurde.

Wenn man etwas aufmerksamer auf die Neuerungen der letzten Jahre im digitalen Lesen blickt, gab es immer wieder einzelne Funktionen im Bereich Barrierefreiheit, die in existierende Produkte integriert wurden:

  • In der Apple-Welt war ein zentraler Durchbruch die Einführung von Siri in iOS: Zum ersten Mal steht mit den iPhones und iPads eine Hardware zur Verfügung, die nicht nur Sprachausgabe auf Betriebssystem-Ebene unterstützt, sondern auf der auch Applikationen wie iBooks durchgehend per Sprachkommando bedient werden können. Aber auch Android hat als barrierfreies Mobil-Betriebssystem in den letzten Versionen ordentlich aufgeholt.
  • Auf den Amazon-Fire-Tablets und den Kindle-Apps ermöglicht Sprachsynthese das Vorlesen von Amazon-eBooks; erst kürzlich wurde auch die Kindle-App für den PC um Schnittstellen zu gängigen Screenreader-Applikationen erweitert.
  • Der neue Edge-Browser von Microsoft ist nicht nur von Haus aus als EPUB-Reader nutzbar, sondern bringt auch seit der ersten Version eine Vorlese-Funktion für eBooks mit. Mitte des Jahres wurden ähnliche Vorlese-Funktionen auch in Office 365 integriert.
  • Für Sehbehinderte ist die Möglichkeit zur stufenlosen Schriftvergrößerung seit den ersten Kindle-Geräten ein zentraler Vorteil des digitalen Lesens. Für Leser mit Dyslexie stehen mittlerweile auf einigen Geräten (z.B. auf dem Tolino) speziell optimierte Schriftarten wie die Open Dylexic zur Verfügung.

Doch bei aller Freude über diese vielen kleinen und großen Innovationen, die bisher ungeahnte Möglichkeiten des barrierefreien Zugangs bieten: Für viele Blinde und Sehbehinderte ist das gelernte Lesen über Braille-Schriftlichkeit mittelfristig nicht zu ersetzen. Umso besser, dass sich auch in diesem Bereich etwas tut.

 

Der Canute Reader: Unsere Entdeckung des Jahres

Das mit Abstand innovativste Produkt im Bereich Barrierefreiheit, auf das wir bei unseren Recherchen gestoßen sind, ist der „Canute“ der Firma Bristol Braille Technology. Gründer und Entwickler Ed Rogers hat sich zum Ziel gesetzt, den Rückgang der Braille-Alphabetisierung aufzuhalten und eine revolutionäre, aber auch bezahlbare Braille-Technologie zu entwickeln: den „Canute eReader“.

Der Canute ist ein eReader, der entsprechend vorkonvertierte Textdateien in Braille-Schrift abbildet. Das klingt vordergründig zunächst nicht außergewöhnlich. Denn bereits in den 70er Jahren wurde wie oben erwähnt eine Technologie entwickelt, mittels derer aktualisierbares Braille abgebildet werden konnte. Hierzu wurde ein Computer mit einer Braille-Zeile verbunden, die jeweils eine Zeile digitalen Textes umsetzen konnte. 40 Jahre stagnierte diese (zudem sehr teure) Technologie, obwohl die digitale Transformation längst abgeschlossen ist und nahezu alle Workflows und Prozesse des gesellschaftlichen Lebens inzwischen digitalisiert sind. Der Preis für Braille-Zeilen mit einer angemessen Anzahl an Zeichen liegt heute noch immer bei etwa 2.000 Euro.

Canute

Der Canute Reader: Schlichtes Design, aber unter der Haube mit einer hochintelligenten Kombination aus Hardware und Software für Blindenschrift ausgerüstet. (Quelle/Copyright: Bristol Braille Technology)

 

Der Canute ist nun der weltweit erste eReader, der mit 9 Zeilen a 40 Zeichen Texte in aktualisierbare Braille-Schrift abbildet – und damit praktisch eine ganze Seite Text, hierbei z.B. auch Tabellen oder Musiknoten in Braille. Die Canute-Technik befindet sich einem Holzkasten. Sein Herzstück sind die innenliegenden rotierenden Walzen mit Stiften. Ruft man anhand der Menütasten ein eBook auf, ist das leise, satte Geräusch der Walzen zu vernehmen, die mittels der 9 Zeilen eben jene Stifte an die Oberfläche bringen, die in ihrer Gesamtheit die Buchseite in Brailleschrift abbilden. Dass er stets auf der Seite des eBooks wieder ansetzt, wo zuletzt gelesen wurde, ist zudem eine attraktive Funktionalität. Die Mechanik des Canute gehorcht dem „keep it simple“ Prinzip.

Die Walzen bewegen die Braillestifte indirekt und reduzieren so die Anzahl der Motoren. Im Gegensatz dazu sind die meisten Braille Displays mit teuren piezoelektrischen Motoren ausgerüstet, die die Nadeln direkt auf und ab bewegen. Im Vergleich zu anderen Braille-Zeilen, die jeweils lediglich eine einzelne Zeile abbilden, ist er damit absolut einzigartig. Entsprechende Texte sind über digitale Braille-Bibliotheken zu bekommen, oder man generiert die Texte selbst mit Duxbury, einem Canute-Plugin für den bekannten eBook-Konverter Calibre. Über diese einfache Schnittstelle können alle eBooks, die als Word, TXT, PDF, EPUB oder Mobipocket-Datei vorliegen, auch auf dem Canute genutzt werden. Damit ermöglicht das Gerät den Zugang zu riesigen Content-Beständen und wird so de facto zum Kindle für Blinde und Sehbehinderte.

Die praktische Nutzung von Braille-Hardware naturgemäß ist für Sehende relativ schwer nachzuvollziehen. Die Vorteile und der innovative Ansatz von Bristol Braille Technology werden im folgenden Youtube-Video sehr deutlich:

 

 

Vedat Demirdöven und Christina Schnelker vom Orga-Team des eBook-Award konnten sich bei einem Besuch vor Ort in Großbritannien von dem Projekt überzeugen – ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass wir Ed Rogers mit Canute auf der Frankfurter Buchmesse als Preisträger begrüßen können.

 

Was tut sich sonst im Bereich Hardware für Blinde?

Natürlich ist Bristol Braille Technology bei weitem nicht das einzige Projekt weltweit, das sich mit neuartiger Braille-Hardware beschäftigt:  Am MIT hat ein Team junger Ingenieurs-Studenteninnen dieses Jahr mit „Tactile“ eine experimentelle Braille-Zeile entwickelt, die auf neuartigen Mechaniken basiert und ebenfalls zu einem Bruchteil der bisherigen Kosten von Braille-Hardware auf den Markt kommen soll. An der University of Michigan arbeitet ein Forscher-Team an einem Braille-Gerät, das ein handelsübliches Android-Tablet mit einer Art Luftpolster-Folie verbindet, um die Braille-typischen Oberflächenstrukturen per Kombination aus App und Hardware zu erzeugen. Beide Ansätze stecken jedoch noch mitten in der Produkt-Entwicklung bzw. befinden sich im experimentellen Stadium, während der Canute in den nächsten Monaten schon auf dem Markt verfügbar sein wird und bereits vorbestellbar ist.

 

 

Sie wollen mehr wissen?

Bereits Anfang des Jahres habe ich zum Status Quo in Sachen barrierefreie eBooks für Blinde und Sehbehinderte ein Interview für den Buchreport gegeben, auf das ich hier sehr gerne verlinke. Die Verleihung des Sonderpreises findet auf der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober 2017 ab 12 Uhr in Halle 4.1/N 37 am Stand der Stiftung Buchkunst statt. Dann werden auch die weiteren Preisträger des Deutschen E-Book-Awards in den Kategorien Fiction, Non-Fiction sowie Kinder und Jugend bekannt gegeben – über Ihren Besuch würden wir uns sehr freuen! Wenn Sie Interesse an Informationen zu Canute, Kontakt zu Bristol Braille Technology oder zu einer Zusammenarbeit haben, wenden Sie sich gerne an Vedat Demirdöven oder Christina Schnelker vom Orga-Team des eBook-Award, die die Recherchen vor Ort mit Ed Rogers übernommen haben und Ihnen gerne mit weiteren Auskünften dienen können.

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