Anderthalb Jahres ist es nun her, dass mit EPUB 3 der jüngste Standard für interaktive, dynamische und multimedial angereicherte eBooks vom IDPF veröffentlicht wurde. Obwohl ich selbst dazu im letzten Sommer noch sehr viel optimistischer war, hat sich EPUB 3 bisher leider lange nicht so schnell in Markt und Technik durchgesetzt, wie ich das gehofft hatte bzw. wie es für die Entwicklung von innovativen enhanced eBooks sinnvoll gewesen wäre. Eine Bilanz des aktuellen Standes:
Bill McCoy, Executive Director des IDPF, bezeichnete kürzlich in einem Artikel anläßlich der BEA 2013 die fehlende Marktreife von EPUB 3 als einen der „sieben tödlichen Mythen des digitalen Publizierens“ (als Evangelist des Formates muss er das natürlich). Demgegenüber weist Nate Hoffelder auf The Digital Reader zu Recht darauf hin, dass diese Aussage doch zumindest einige Realitäten des eBook-Marktes verkennt. Auf und im Gefolge der BEA 2013 hat diese Frage zu einigen weiteren Beiträgen geführt, unter anderem auf Teleread und Good e-Reader. Auch hat die Diskussion um EPUB 3 durch die vielzitierte Studie der Universität Mainz zur Interoperabilität von eBook-Formaten einigen Aufwind bekommen. Wie sieht aber zum aktuellen Stand von Markt und Technik das Bild wirklich aus?
Unterstützung durch die eBook-Marktplätze und Verlage
In den großen eBook-Ökosystemen hat sich gegenüber dem Zustand vor einem Jahr wenig verändert:
- Amazon hat mit der Einführung von KF8 für die Kindle-Reader und die Fire-Tablets die Politik eines eigenen, proprietären Dateiformates fortgesetzt. Allerdings bietet Amazon mit den aktuellen Versionen des Kindlegen-Tools zumindest eine Import-Schnittstelle für EPUB3-Dateien an.
- Apple unterstützt in iBooks weite Teile der EPUB 3-Spezifikation und ist nach wie vor derjenige unter den großen Anbietern, der mit seiner Implementierung am weitesten ist.
- Google beteiligt sich zwar weiterhin in führender Rolle am Readium-Projekt, hat aber in seinem eigenen eBook-Ökosystem bisher noch keinerlei Unterstützung für EPUB 3 integriert.
Interessant erscheint dagegen, dass bei den kleineren Konkurrenten einige neue Ansätze zu erkennen sind:
- Der Smartphone- und Tablet-Marktführer Samsung hat Anfang 2013 weitgehend unbemerkt mit seiner Reader Hub-Anwendung eine App auf seine Geräte gebracht, die unter anderem wesentliche Teile von EPUB 3 unterstützt. Inwieweit dies aber zusammen mit einem Marktplatz-Angebot zu einer echten Konkurrenz für die drei großen werden kann, ist noch kaum absehbar.
- Sony überraschte im März 2013 mit der Meldung, dass im „Kid’s Corner“-Bereich seines Reader Store nun EPUB 3-Titel verfügbar sind, die über eine Android-Anwendung abspielbar sind. Warum genau an dieser Stelle aber Energie in die Umsetzung gesteckt wird, der Rest der Sony Reader-Produktpalette aber komplett außen vor bleibt, ist einer der vielen Widersprüche in der eBook-Strategie von Sony.
- Kobo hat bereits Ende 2012 angekündigt, bis zum 3. Quartal 2013 eine Komplett-Implementierung von EPUB 3 in seine Reader- und Marktplatz-Umgebung zu integrieren.
Auf der Seite der Verlage haben sich bisher nur wenige Anbieter zu EPUB 3 bekannt: Die Hachette-Gruppe setzt bereits seit 2012 auf EPUB 3 und hat auf der BEA 2013 sogar bekannt gegeben, die Produktion von EPUB 2-Dateien einzustellen. O’Reilly stellt seine Produktion seit Anfang 2013 auf EPUB 3 um und hat dazu ausführlich über die Erfahrungen damit berichtet. Im deutschen Markt beschränkt sich das EPUB 3-Angebot bisher auf einzelne Umsetzungen wie z.B. die „Lesemaus“-Reihe des Carlsen Verlag.
Readersoftware für EPUB 3
Die verfügbaren Reader für EPUB 3 sind mittlerweile ein paar mehr geworden – für jede nennenswerte Betriebssystem-Plattform ist zumindest eine brauchbare Anwendung verfügbar, auch wenn diese oft bei weitem nicht so komfortabel mit einem eBook-Shop verknüpft ist, wie Kunden dies von Amazon oder Apple gewöhnt sind.
Eine aktuelle Übersicht:
- iBooks: In der eReader-Software von Apple für iOS werden seit der Version 2 von Anfang diesen 2012 alle wesentlichen Features von EPUB 3 unterstützt – insofern wenig verwunderlich, da in iBooks bereits für ePub 2.0.1-Dateien einiges erlaubt war, was „offiziell“ erst in EPUB 3 standardisiert wurde.
- Readium: Das IDPF hat mit Readium ein Open Source-Projekt für eine Referenz-Implementierung von EPUB3 gestartet. Readium ist als Plugin für Google’s Chrome-Browser realisiert und soll in der finalen Fassung flexibel in andere Anwendungen integrierbar sein. Der Reader liegt als Beta-Version vor, unterstützt aber bereits fast alle wesentlichen EPUB3-Merkmale und kann mittlerweile über den Chrome Web Store installiert werden.
- Azardi: Die asiatische Softwareschmiede Infogrid Pacific hat mit Azardi einen kostenlosen EPUB 3-Reader für Windows, Mac OS und Linux Desktop im Angebot. Das Unternehmen fokussiert sich hauptsächlich auf das B2B-Geschäft, insofern ist fraglich, ob der Reader in Europa jemals marktrelevant für Endkunden werden wird.
- Gyan Reader: Seit kurzer Zeit steht mit dem Gyan Reader auch eine EPUB3-fähige Software für Android-Geräte zur Verfügung, die von der indischen App-Schmiede Creatve Studios entwickelt wurde.
- Helicon Books EPUB3 Reader: Der israelische Software-Anbieter Helicon Books hat mit ihrem EPUB3-Reader für Android eine bemerkenswerte Implementierung auf Basis des Readium-Codes vorgelegt, die insbesondere außereuropäische Sprachen und Standards wie SVG/MathML unterstützt.
- Samsung Reader Hub: Mit der Reader-Anwendung steht Samsung-Kunden eine leistungsfähige App zum Lesen von EPUB 3-Dateien zur Verfügung – allerdings ist der Zugriff auf Samsung-Geräte beschränkt, die App ist nicht über den Google Play Store erhältlich.
Für den genauen Stand der Unterstützung in den jeweiligen Anwendungen und Ökosystemen pflegt die amerikanische Book Industry Study Group mit dem „EPUB 3 Support Grid“ eine detaillierte Auflistung, die regelmäßig aktualisiert wird.
Tools und Software zur Erstellung von EPUB 3
Deutlich besser als auf der Händler- und Marktplatz-Seite sieht es mittlerweile im Bereich der Tools zum Erstellung von EPUB 3-Dateien aus:
- Die Enterprise-Produktionssysteme PXE von Aptara oder auch der IGP:Digital Publisher von Infogrid Pacific bringen einen leistungsfähigen EPUB 3-Export mittlerweile als Standardfunktion mit.
- Nach etwas hakligen Anfängen ist der EPUB 3-Export von InDesign inzwischen durchaus als produktionsfähig anzusehen. Wem diese Standard-Funktionen nicht ausreichen, erhält mit den InDesign-Plugins von Aquafadas oder Woodwing noch deutlich erweiterte Möglichkeiten.
- Die Anbieter Inkling und Vook bieten neben der Publikation in den jeweiligen eigenen Anwendungen mittlerweile auch Export-Möglichkeiten nach EPUB 3 an.
- Mit Blue Griffon EPUB Edition ist Anfang 2013 ein nativer EPUB 3-Editor erschienen, der neben dem Arbeiten im Quellcode auch WYSIWYG-Editieren von EPUB-Dateien ermöglicht.
- Mit XML-Editoren XML Spy von Altova oder auch dem Oxygen XML-Editor lassen sich EPUB 3-Dateien auf Quellcode-Ebene bearbeiten.
Auf der Werkzeug-Seite gibt es also mittlerweile viele Möglichkeiten zur Erzeugung von Daten im EPUB 3-Format, die sich in verschiedensten Produktionsszenarien sinnvoll einsetzen lassen. Daneben bieten diverse Anbieter auch EPUB 3-Erstellung als Service an.
Warum dauert das eigentlich so lange?
Der erhebliche Zeitverlauf, der die Umsetzung von EPUB 3 mittlerweile begleitet, hat aus meiner Sicht zwei verschiedene Gründe:
Zum einen ist die Implementierung des Formates in Werkzeugen und Readern ganz objektiv keine einfach Aufgabenstellung. Gegenüber der Vorgänger-Spezifikation ePub 2.0.1 ist die Komplexität erheblich gestiegen, alleine Teilspezifikationen wie die zu Media Overlays (zur Synchronisation von Text und Audiospuren) haben mehr Umfang als die gesamte Vorversion. Zudem sind bei einzelnen Teilen wie etwa der Javascript-Unterstützung für jeden Ökosystem-Anbieter Abhängigkeiten zu anderen Systemteilen und nicht zuletzt Sicherheits-Aspekte zu beachten. Bei Implementierungen dieses Volumens ist insofern relativ klar, dass jeder Anbieter versuchen wird, seine Investitionen zu minimieren. Bezogen auf die großen Anbieter im eBook-Markt heißt dies in letzter Konsequenz: Apple hat bereits eine EPUB 3-Implementierung, Amazon will keine EPUB 3-Implementierung, alle anderen warten auf den Abschluss des Readium-Projektes.
Ein anderer Grund ist in der bereits zitierten Studie zur eBook-Interoperabilität angesprochen: Solange die wesentlichen Player im Markt versuchen, ihre Ökosysteme durch „walled gardens“ zu schützen, haben sie letztlich gar kein großes Interesse daran, die Verbreitung von funktionsmächtigen, offenen Formaten für enhanced eBooks zu fördern. Umso interessanter sind insofern die Ansätze der kleinen und mittelgroßen Anbieter für ein EPUB 3-Angebot. Nur einen Fehlschluß begehen die Autoren meiner Meinung nach: Selbst wenn alle großen Anbieter eine direkte EPUB 3-Unterstützung bieten würden, bliebe immer noch die Barriere der DRM-Systeme bestehen – die Interoperabilität letztlich noch viel effektiver verhindert als die Verwendung von verschiedenen Dateiformat-Varianten, die sich untereinander relativ ähnlich sind.
Zukunftsperspektiven
Das Thema EPUB 3 könnte dann deutlich mehr Fahrt aufnehmen, wenn mit dem Ende des Readium-Projektes eine nutzbare Open Source-Implementierung vorliegt, die alle beteiligten Anbieter in ihre jeweiligen Anwendungen integrieren können. Hoffnung macht dazu, dass Ende Mai die erste Version einer Javascript-Bibliothek auf Basis von Readium veröffentlicht wurde. Nach den bisherigen (vagen) Aussagen aus dem Projekt ist aber mit einer finalen Version von Readium kaum vor Ende 2013 zu rechnen.
Fraglich ist aus meiner Sicht aber, ob sich nicht bis dahin auch noch andere Alternativen entwickelt haben werden, interaktive und dynamische Inhalte an Kunden zu distribuieren. Die Ansätze von Google beispielsweise, mit den „Packaged Apps“ einen Applikationstyp in den Markt zu bringen, der auf Basis von gepacktem HTML5-Content mit Chrome als Laufzeitumgebung (und damit unabhängig von der Betriebssystem-Plattform) ausführbar ist, könnten zum Paradigma für die nächste Generation von Anwendungsdesign für Mobile Apps werden. Da dieser App-Typ wie EPUB 3 auch im Kern auf HTML 5 und Javascript basiert, könnte es EPUB 3 blühen, von der nächsten technischen Innovation quasi links überholt zu werden.
Es bleibt also spannend in Markt und Technik, was die Umsetzung anspruchsvoller Content-Produkte angeht. Solange sich aber nichts Grundsätzliches am momentanen Entwicklungsstand ändert, muss man der Diagnose von Matthew Diener auf Twitter zustimmen:
Mehr Bedarf nach Know How?
Wer über diesen Überblick hinaus mehr wissen will über die Einsatzmöglichkeiten der hier vorgestellten Technologien für Konzeption und Umsetzung moderne Digitalmedien, hat dazu Gelegenheit mit dem Seminar „Von HTML 5 zu EPUB 3 – Das E-Book-Upgrade“ Ende Juni bei der Akademie des Deutschen Buchhandels.

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